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CHRISTIAN LEX Lexletter

Pause eines Rastlosen.

Ich bin in Wien. Nur kurz, spreche am Theater vor. Morgen bin ich schon wieder woanders, als ich gestern nicht mehr war. Dieses - in Bewegung sein. Das ist etwas, was meinem Beruf einfach angehörig ist. Es lässt es nicht los. Wie die Fliege das Weibchen unter ihr. Ich mag es. Nichts finde ich auf die Dauer anstrengender, langweiliger, der Kostbarkeit eines Menschenleben gegenüber unhöflicher, als allzu still wo zu sitzen und zu schauen. Ich will nicht schauen, ich will beobachten. Gestern hat im Zug eine Dame am Telefon sich über die Vorbereitungen von Hochzeitsfeierlichkeiten aufgeregt. Sie sollte tanzen, doch sie ist sich sicher, dass niemand ihren Körper in Bewegung sehen möchte, wenn dies nichts mit dem anderen Geschlecht zu tun hat. Sie wird also nicht zum Proben für diese Hochzeit kommen, weil sie dort auch nicht tanzen wird. Sie stieg in St. Pölten aus. Das ist nicht der Nabel der Welt, wie ich fürchte. Maximal noch der von Niederösterreich. Aber ob man sich als St. Pölten das auf die Visitenkarte schreiben sollte, das bleibt fraglich. "Nabel von Niederösterreich". Ich ließe es lieber bleiben, an St. Pöltens Stelle.
Heute in der "Bim", wie der Wiener seine Strassenbahn wirklich liebevoll nennt, war eine Frau. Sie hatte viele Kleidungsstücke an. Damit wäre sie auch nicht im November groß aufgefallen. Am Auffallendsten war aber der lila Filzhut. Wer den einst gekauft hat, hatte einen guten Geschmack - ich fürchte, es war aber nicht ihrer. Diese Frau war merkwürdig. Sie war aus der Zeit gefallen. Eine Urbane Randgeburt, die sich dem normalen Leben entzieht, aber so öffentlich ist, wie wir höchstens dann, wenn wir nicht wissen wie die Privateinstellungen bei Facebook sich en Detail verhalten. Diese Frau machte also schon an der Haltestelle auf sich aufmerksam. Es ging um Planeten und Essen, um Pfandflaschen und irgendwie auch um uns, die wir ihr zusahen, oder besser noch wegsahen, um ihr nicht zusehen zu müssen. Sie erinnerte mich an einen Dichter, der barfuss durch Kreuzberg laufend, mir in der Hasenheide im Juni Glück verkauft hatte. Damals hab ich überlegt, welches auf Vorrat zu erwerben. Aber das erschien mir dann doch zu egoistisch. Die Frau verkauft in der Bim heute kein Glück. Sie nahm eine herumliegende Pfandflasche mit. Vielleicht war just in der welches versteckt. Glück. Und sie sitzt nun sicher feixend in ihrem Zuhause, sofern sie eines hat, und freut sich, dass wir das weggeworfene Glück als solches nicht erkannt haben. Die Frau hatte, als die Bim kam, alle mächtig genervt. Sie lief von Türöffner zu Türöffner und drückte auf die Knöpfe. Wir konnten erst mit mindestens einer Minute Verspätung losfahren, weil immer eine offene Tür uns daran hinderte. Die Frau ist schuld, dass die Mitfahrer einer ganzen Bim heute eine Minute später vom Fleck kamen.
Bewegung ist was Schönes. Der Kellner kommt.. Sie würden gleich zumachen. Ich bestelle noch einen letzten Mocca, wundere mich über Strassenarbeiten mitten in der Nacht vor dem Café, und packe meinen Kram zusammen. Wiens Nacht wartet auf mich. Mit Sankasirenen, Würstlbuden, die sicher eine eigene Parallelwelt haben, in der nie Tag wird, und diese Frau, die sicher irgendwo in irgendeiner Bim eine Pfandflasche mit Glück findet. Ich gehe. Los. Schön.
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Kino! Und weiter gehts…

Neue Woche neues Glück.

Wer noch nicht genug hat - hier kommt noch mal ein wunderbarer Film. Seit dem 08.08. im Kino.

Kohlhaas, ich kann ihn einfach nur empfehlen. Ungewöhnlich, herb, aber wahnsinnig lustig.



und in diesen
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